CHRISTIAN KROMATH
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Kromaths Farbgegenstände

Letzthin habe ich irgendwo gelesen, es sei absurd, sich mit Worten oder einem Essay einem bildenden Kunstwerk zu nähern. Ja was denn, soll man etwa statt einer Besprechung die Bilder betanzen? Soll man zukünftig eine Musik zu einem Roman komponieren statt ihm eine Rezension zu widmen? Und verkompliziert sich diese Schiefe zwischen dem Objekt der Besprechung und der Sprache, in und mit der über ein Werk geschrieben wird, nicht noch weiter, wenn die hier zur Frage stehenden Bilder von Christian Kromath zu den so genannt gegenstandslosen gehören?
Gerade wenn es um bildende Kunst geht, erscheint mir besagte Schiefe besonders eklatant, wirkt die Kunstkritik doch merkwürdig blass, gleichzeitig nicht selten aufgeblasen und gestelzt. Wie konnten, so frage ich mich häufig, die Bilder einer Ausstellung den Text hervorbringen, den ich da lese oder höre? Bzw. umgekehrt, lässt sich aus den Texten der Kritik, wenn man die „zugrundeliegenden“ Werke nicht kennt, nur selten Rückschlüsse auf dieselben ziehen. Im günstigsten Fall ist die Kunstkritik unfreiwillig komisch und deshalb wenigstens unterhaltsam. Und mit diesem Wissen will ich dennoch versuchen, dies und das über einige Bilder von Kromath zu sagen.
Das Ungegenständliche an ihnen muss gerade jemanden wie mich herausfordern, der überwiegend ‚inhaltlich orientiert‘ ist, der vor allem literarische und essayistische Werke schätzt, dessen Weltzugang vor allem sprachlich strukturiert ist. Bei literarischen Werken hat die Unterscheidung zwischen Form und Inhalt, so verwoben auch immer sie natürlich auch dort sind, durchaus Sinn. Bei bildender Kunst, erst recht bei ungegenständlicher, gibt es dieses gegenseitige Verweissystem (wenn man es einmal so nennen will) nicht. Gleichzeitig ergibt sich allerdings die Möglichkeit, direkter das Schöpferische zu beobachten: Wo es nicht auf ein Ziel gerichtet ist, wo am Ende nicht eine Aussage oder eine Botschaft steht, nicht einmal stehen soll, da kann das Schöpferische nackt, in seiner Sinnfreiheit und seinen spielerisch-existenziellen Aspekten beobachtet werden. „Der Mensch gehört nur halb sich selbst. Die andere Hälfte ist Ausdruck“ (Ralph Waldo Emerson). Das heißt, der Mensch weiß erst dann etwas von sich, wenn er einen Ausdruck gefunden oder versucht hat. Nicht etwa ist etwas mit dem Menschen gemeint, welches er ‚nur‘ zu finden hätte, sondern erst im Ausdruck, in der Vergegenständlichung, im selbstproduzierten Gegenüber erfährt der Mensch etwas über sich. Der Mensch als das Wesen der „exzentrischen Positionalität“ (Helmuth Plessner) ist gezwungen, sich herauszustellen, auszudrücken, sich doppelte Böden zu schaffen in Verkörperungen. Er muss aus sich herausgehen, um sich auszudrücken. Dieser Zwang zur Veräußerung, zur Mittelbarkeit statt Eigentlichkeit hat zur Konsequenz, dass alle Ausdrucksversuche nur ein Beispiel sind! Deshalb, ich wiederhole mich, bleibt es dabei, „der Mensch gehört nur halb sich selbst, die andere Hälfte ist Ausdruck.“ Robert Musil ergänzte das Zitat von Emerson: „In der Liebe, in der Kunst, in der Habsucht, in der Arbeit und im Spiele suchen wir unser schmerzvolles Geheimnis auszusprechen. Alle Menschen verlangen in ihrer Seelennot nach Ausdruck. Der Hund bespritzt den Stein mit sich und riecht zu seinem Exkrement: Spuren hinterlassen in der Welt. Selbst etwas nur auszusprechen heißt schon, einen Sinn mehr haben zur Aneignung der Welt.“
Diesen Ausdruckswillen kann man, so meine These, in gegenstandslosen Werken besser beobachten. In Kromaths Bildern jedenfalls erkennt man nicht nur das gelungene Ergebnis des Ausdruckswunsches, sondern er ist gleichermaßen im Bild dargestellt, manifestiert sich in der eigentümlichen Bewegtheit der Werke. Man sieht in vielen Bildern förmlich noch die Entstehung, die Bewegungen des Pinsels, die Dringlichkeit des Ausdrucks, die auf nichts Bestimmtes hin weist, sondern sich selbst darstellt und materialisiert. Das Expressive in den Bildern Kromaths entsteht nicht etwa dadurch, dass hinter der Wirklichkeit eine weitere Bedeutungsebene, die man vorher so nicht sehen konnte, sichtbar wird (wie im klassischen Expressionismus), sondern das Expressive ist der Ausdruckswillen selbst, der sich im fertigen Bild noch zeigt. Er ist durch das Bild abgelöst worden und doch auch in ihm aufgehoben. Manche Bilder, die längst selbstbewusst an der Wand hängen, die das Fertige repräsentieren, wirken gleichzeitig, als wäre die Farbe noch nicht trocken, als wäre der Entstehungsprozess noch unabgeschlossen und deshalb selbst dargestellt. Dazu mag passen, dass Kromath seine Bilder nie auf der Vorderseite signiert, als verweigere er das finale Zeichen des Fertig-Werkhaften.
Das zweite Charakteristikum der Bilder Kromaths ist ihre Dringlichkeit. Wären die Bilder musikalische Werke, würde ich sie dem Punk zuordnen, dem besonders ein drängender Ausdruck zu eigen ist. Kromaths Gemälde jedenfalls sind nie betulich, niemals klassisch, wirken nicht gravitätisch oder täuschen nichts – über sie selbst hinaus – vor, wollen keine erhabene Formvollendetheit suggerieren. Sie spielen, auch als fertiges Kunstwerk, mit dem Unfertigen, mit dem Prozess ihres Entstehens. So bewahren die fertigen Werke, auch wenn sie längst an einer Wand hängen, etwas Vitales, sie erhalten sich eine Frische – die das Entstehende, noch-nicht-Fertige mehr hat als das Vollendete.
Von hier aus versteht man das Ungegenständliche vielleicht besser: Es ist bei Kromath nicht als intellektuelle Herausforderung gemeint, hinter dem Schleier des Ungegenständlichen eine Aussage zu entschlüsseln, die Bilder wollen nicht als Symbol (für etwas anderes als sie selbst) verstanden werden. Wer sich davon befreien kann, die Bilder als Zeichen zu lesen, der entdeckt solche, die sich in ihrer Ungegenständlichkeit eben der vorschnellen Vereinnahmung verweigern. Nicht nur dem spurenlesenden Verständnis entziehen sich die Bilder, übrigens durchaus lustvoll und überbordernd und nicht etwa kämpferisch und verbissen, sondern jeglicher Verfestigung, jeglicher vorschneller, von sich selbst nur allzu überzeugter Form. Dagegen bietet Kromath die Anarchie des Werdens auf, verteidigt gegen verfrühte Formenerstarrung das Lebendige. Und genau das sieht man den Bildern an, macht ihre Betörung aus. Dadurch überwältigen sie den Betrachter immer neu. Manchmal sogar zerstört Kromath mit einem fast als Verfremdungseffekt zu bezeichnenden Element, ein oder mehrere plane und monochrome Rechtecke, die unvermittelt und wiederum mehr attraktiv als kämpferisch den Bildaufbau bereichern, den Eindruck von Tiefenschärfe – sozusagen das letzte Anhalt für Gegenständlichkeit.
So erinnern mich viele Bilder Kromaths an den polnischen Schriftsteller Witold Gombrowicz, der sich immer vehement gegen Verfestigungen gewehrt hat, der immer jugendlich ein ewig Werdender sein wollte, ohne jemals etwas Bestimmtes geworden zu sein. „Der wichtigste und unversöhnlichste Streit ist der, den zwei grundlegende Bestrebungen in uns führen: eine, die Form, Gestalt und Definition will, und eine andere, die sich gegen Gestalt wehrt und Form ablehnt. Die Menschheit ist so gemacht, dass sie sich ständig neu definieren und den eigenen Definitionen immer wieder entwischen muss. Die Wirklichkeit ist nichts, das sich restlos in Form fassen ließe. Form ist unvereinbar mit dem Wesen des Lebens.“
Die Bilder Kromaths zeigen vor allem das Schöpferische selbst, ihren Prozess, ihre Versuche, vollendete Form genauso zu sein wie lebendig und offen zu bleiben. So ist die Kunst eben auch, noch einmal Robert Musil, nichts „anderes als die Unruhe eines Mannes, der sich bis zu den Knien aus einem Grab herausschaufelt, dem er doch niemals entrinnen wird, eines Wesens, das niemals ganz dem Nichts entsteigt, sich angstvoll in Gestalten wirft, aber an irgendeiner geheimen Stelle, die es selbst kaum ahnt, hinfällig und Nichts ist.“ Weil der Mensch eine „mit Nichts gefüllte Blase“ ist, immer nur „irgendwie ist“, sucht er verzweifelt die fertige Form, die ihm sagt, wer er ist und die doch auch Entfremdung ist, ein fades Surrogat fürs Lebendige, fürs Entstehen und Werden.
So betrachtet, frei von der Sucht, zu dekodieren und zu lesen, sondern als Beispiele für das Schöpferische der Kunst, fangen die Bilder Kromaths an, sich selbst zu erklären. Besonders gut lassen sich die Bilder meiner Ansicht nach verstehen, wenn man mehrere sieht. Dann „erklären“ sie sich aufs Schönste gegenseitig. Eine Zeitlang hat Kromath kleinere oder größere Bände mit einer Reihe von Reproduktionen seiner Werke herausgegeben, die zeigen genau diesen Effekt besonders plastisch. Nach wie vor hoffe ich darauf, dass sich demnächst ein Interessent findet, der auf diese oder ähnliche Art eine versuchte Zusammenschau der Bilder Kromaths initiiert. Noch beeindruckender ist ein Blick in sein Atelier, wenn Kromath selbst Bilder präsentiert.

© Georg Salzberger